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Prof. Dr. Caroline Arni

Department of History
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Freund*innenliebe. Beziehung, Geschlecht und (homosexuelle) Subjektivität 1870-1970

PhD Project  | 2 Project Members

«[Es] ist sicher, daß zwischen Liebe und Freundschaft, von denen jede für sich so viele feine Nüancen [sic!] und Schattierungen aufweist, die Grenze oft schwer gezogen werden kann.» [1] Magnus Hirschfeld (1868-1935), Berliner Sexualwissenschaftler In meinem Promotionsprojekt erforsche ich die Verbindung zwischen Freundschaft und homosexuellem Begehren im Zeitraum von 1870 bis 1970 in der Schweiz. Denn Freundschaft war schon seit der Antike auf vielfältige Weise ein Möglichkeitsraum für gleichgeschlechtliche Liebe und homosexuelles Begehren: Die Grenze zwischen der Homo sozialität der Freundschaft und der Homo sexualität in der Freundschaft erwies sich über die Jahrhunderte hinweg als durchlässig. Die ‹Erfindung› und Pathologisierung des modernen homosexuellen Subjekts um 1870 hingegen machte gerade dieses Kontinuum verfänglich; Individuen sahen sich infolgedessen gezwungen, sich in (sexualpathologisch) Liebende und (unverdächtige) Freund*innen zu scheiden. Allerdings deuten zahlreiche Quellen darauf hin, dass die Freundschaft im Kontext gleichgeschlechtlichen Begehrens auch nach 1870 omnipräsent blieb. Sie bestand parallel und in Abgrenzung zu homosexuellen Subkulturen oder wurde von selbsterklärten Homosexuellen affirmativ angeeignet. Hier setze ich an, indem ich die Freundschaft als Möglichkeitsraum homosexuellen Begehrens ca. zwischen 1870 und 1970 untersuche. Dabei möchte ich sowohl jene Akteur*innen, die sich selbst nicht als homosexuell bezeichneten, als auch selbsterklärte Homosexuelle jeweils beider Geschlechter in einen analytischen Zusammenhang bringen. Ziel ist es, die Geschichte gleichgeschlechtlicher Liebe in diesem Zeitraum nicht als Geschichte einer sexuellen Minderheit oder Identität zu erzählen, sondern aus der Perspektive einer Geschichte der Freundschaft als subjektivitätsstiftende Lebensform. Die Dissertation konzentriert sich auf sechs verschiedene Freund*innenpaare - bestehend aus drei Frauen- und drei Männerpaaren - mit Fokus auf die Schweiz. Die Quellen speisen sich dabei vor allem aus persönlichen Nachlässen, Briefen, Tagebüchern, Autobiografien und weiteren Ego-Dokumenten. Ich verfolge einen historisch-anthropologischen Ansatz und greife zur Analyse von Beziehung, Sexualität, Geschlecht, Individualität und Subjektivität auf geschlechter- und queertheoretische Grundlagen zurück. [1] Hirschfeld, Magnus: Die Homosexualität des Mannes und des Weibes, Berlin 1914, S. 184.

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In der Gruppe die Welt verändern. Projekte emanzipativer Kollektivität im feministischen, jugendautonomen und alternativen Milieu der Deutschschweiz nach 1968

PhD Project  | 2 Project Members

Basisdemokratische Entscheidungen, flache Hierarchien, das Ausdiskutieren von Problemen, eine antiautoritäre Haltung– die Ausgestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen in Gruppen beschäftige die von 1968 Bewegten und war Ansatzpunkt vielfältiger Versuche, emanzipative Veränderungen von Gesellschaft und Subjekten umzusetzen. In diesen Versuchen sehen Forschungsnarrative oftmals Wegpunkte einer zunehmenden Beschäftigung mit sich selbst, welche spätestens in den 1980er Jahren in eine Selbstbespiegelung mündete, die das entpolitisierte Ende einer 1968 revolutionär gestarteten Bewegung erklären soll. Was aber genau emanzipative Veränderung bedeutete und wie sich diese Veränderung konkret gestaltete, wird selten eingehender behandelt.

In meinem Promotionsvorhaben möchte ich anhand exemplarischer Beispiele aus der Schweiz einen genaueren Blick auf solche Versuche emanzipativer Veränderung durch Kollektivität werfen und diese eingehender historisieren. Dafür fokussiere ich auf Texte, welche die Relevanz des Kollektivs programmatisch formulieren und kollektive Praktiken, wie beispielsweise Selbsterfahrungsgruppen oder die interne Organisation eines autonomen Jugendzentrums, in denen Ideen der Kollektivität umgesetzt werden sollten. Inwiefern solche Praktiken nicht zuletzt auf subjektiver Ebene zu Veränderungen führten, werde ich anhand zeitgenössischer Erfahrungsartikulationen und von mir durchgeführter Oral History-Interviews eruieren. Meine exemplarischen Beispiele stammen aus der Neuen Frauenbewegung, der autonomen Jugendbewegung und dem alternativen Milieu, decken verschiedene Schauplätze in der Deutschschweiz ab und bieten einen lokalen Einblick in transnational verbreitete Praktiken der Kollektivität. Mit der Historisierung solcher Praktiken und deren Konzeptualisierung von Veränderung schliesst mein Promotionsvorhaben eine Forschungslücke, welche für die Schweiz in besonderem Mass besteht, da für die Nachfolgebewegungen zu 1968 kaum überregionale Forschungen vorliegen, die einen systematischen Ansatz verfolgen.

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Von der Heim- zur Spitalhebamme - Baselstädter, Baselländler und Urner Hebammen von 1870-1960

PhD Project  | 2 Project Members

Heute stellen Spitalgeburten die Norm dar, doch bis ins 20. Jahrhundert fanden Geburten mit wenigen Ausnahmen unter der Leitung von Hebammen im Haus der Gebärenden statt - dies trotz intensiver Propagierung der Spitalgeburt. Die Hebammen wurden von den Frauen und ihren Familien als Vertrauenspersonen und Expertinnen geschätzt. Die Forschung zur Hebammengeschichte hat dies ausführlich gezeigt. Bisher kaum bearbeitet wurde jedoch die Frage, weshalb von Hebammen geleitete Hausgeburten im Verlauf der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts abnahmen und die Spitalgeburt sich allmählich durchsetzte. In meinem Forschungsprojekt untersuche ich diese Transformation aus der Perspektive der Geburtshelferinnen. Im Fokus steht die Interaktion der Hebammen mit drei zentralen Akteuren dieses Wandels: der Ärzteschaft, den Behörden sowie dörflichen und städtischen Gesellschaften. Um die Faktoren dieser Veränderung und deren Verlauf zu analysieren, wurde der Zeitraum von 1870 bis 1960 gewählt. Ausgehend von ersten Einsichten in regional sehr unterschiedliche Verläufe dieser Entwicklung geht das Projekt auf einer Stadt-Land-Achse vergleichend vor. Vertieft untersucht werden drei Deutschschweizer Kantone: Basel-Stadt als typischer Stadtkanton mit schneller Zunahme der Spitalgeburten, Basel-Landschaft als (stadtnaher) Landkanton mit einem ebenfalls raschen Anstieg von Spitalgeburten sowie Uri als von städtischer Infrastruktur entfernte Region mit nur wenigen Anstaltsgeburten bis in die 1940er Jahre. Analyseleitend ist die Frage nach der sozialen Nähe zwischen den Hebammen und den Frauen dieser unterschiedlichen Regionen. Dies soll mit Dokumenten des Hebammenvereins als offizieller Vertretung der Hebammen und mit Dokumenten aus lokalen Archiven untersucht werden - insbesondere mit den in der Hebammenforschung bis dato wenig berücksichtigten Beschwerdebriefen.

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Die Stadt Luzern und "das Grüne": Eine Geschichte urbaner Natur im 19. und 20. Jahrhundert

PhD Project  | 2 Project Members

«150 Jahre grün» - unter diesem Titel feierte die Stadtgärtnerei Basel 2012 ihr Jubiläum. Tatsächlich haben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die meisten Städte in der Schweiz Stadtgärtnereien eingerichtet. Ist damit aber das Grüne in die Städte eingezogen, wie das die Basler Jubiläumspublikation nahelegt? Gab es nicht immer schon Dorflinden, Äcker, Riede, Obstwiesen im Siedlungsraum? Dass Städte (grau) und Natur (grün) als Gegensätze verstanden werden, die es wieder zu vereinen gilt, muss eine Geschichte haben. Um diese Geschichte soll es in meinem Dissertationsprojekt gehen. Aufbauend auf Debatten, die die Trennung von Natur und Kultur in Frage gestellt haben, schlägt der Geograph Matthew Gandy eine neue Konzeptualisierung des Gegenstandes «urbane Natur» vor: Von Interesse sollen nicht nur gebaute Infrastrukturen oder Parks sein, sondern auch zufällig entstandene Konstellationen oder Dinge wie Brachen oder aus menschlicher Perspektive unwillkommene Akteure wie Mückenschwärme oder Unkräuter. Die Untersuchung kultureller, ästhetischer und politischer Dimensionen urbaner Raumgestaltung soll mit der Frage nach der Handlungsmacht nichtmenschlicher Lebewesen und Materialien verbunden werden. Für die historische Untersuchung erinnert dieser stadttheoretische Ansatz daran , dass die Öffentlichkeit, mit der Urbanität einhergeht, stets umkämpft ist. In Orientierung daran interessiert mich, wie «Natur» im Konflikt um Nutzungen auf verschiedene Art und von verschiedenen Akteuren zum Einsatz gebracht wird, während sie zugleich selbst als Akteurin in diesen Verhandlungen auftritt. Konzeptuell zielt mein Vorhaben deshalb auf eine symmetrische Konfliktgeschichte städtischer Natur, das heisst: eine Geschichte der Verhandlungen um Natur, die aus ungleichen Positionen gemacht werden und mit der Natur selbst zu rechnen haben. Episoden, in denen urbane Natur verhandelt wird, möchte ich gerne für die Stadt Luzern im Zeitraum von ca. 1850 bis 1950 erforschen. Eine Reihe von spezifischen Aspekten machen Luzern zu einem besonders interessanten Untersuchungsort: Mit dem aufkommenden Tourismus, der spezifische ästhetische Anforderungen an das Stadtbild und seine Urban Nature stellte, mit dem starken Wachstum der Stadt, das neue Tatsachen schuf und Aushandlungen bedingte sowie mit der Trockenlegung der Riedgebiete entlang des Vierwaldstättersees zur Landgewinnung ergab sich in Luzern eine spezifische Konstellation, die bisher praktisch unerforscht ist. Schliesslich entspricht die Untersuchung einer Kleinstadt einem Desiderat im Forschungsfeld der Urban Nature, standen doch bisher praktisch nur Grossstädte wie New York, London oder Berlin im Fokus; auch eine zeitliche Erweiterung in das 20. Jahrhundert ist angesichts des bisherigen Schwerpunkts auf das 19. Jahrhundert wünschenswert.

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Drawing Continuity: The Making of Bourgeois Family Trees

PhD Project  | 2 Project Members

Das Dissertationsprojekt ist Teil des Sinergiaprojektes "Genealogical diagrams" The project examines the crafting of family trees in the kin groups constituting the bourgeoisie of Basel in the 19th and early 20 th cen., most of which descended from the old patriciate. Having long opposed struggles for democratic reform, even at the cost of the traumatic loss of the revolutionary 'hinterland' in 1833, these families eventually, in 1875, relinquished their political monopoly, yet retained economic and symbolic power (Sarasin 1997). Hence, there is, first, a complex constellation of continuity and discontinuity, comprising the kind of crisis-laden "triggering events" that have been identified as constituting the "matrix" of genealogical work (Jettot & Lezowski 2016, 18-22). Secondly, Basel presents us with the case of a society where a close-knit network of kin groups was a crucial 'mover of modernity', a modernity that has long been falsely associated with the declining importance of kinship (Sabean & Teuscher 2007). This constellation provides an ideal setting for further examining the tendency of the middle classes to adapt the genealogical enterprise of a bygone nobility for the maintenance of social hierarchies by purging it of its mythical contents (Timm 2016; Hohkamp 2018), thus constituting a historical bridgehead between 'old' noble and 'new' generalized forms of genealogy (Bouquet 1996). However, applying the overall approach of the Sinergia project, the subproject will open up additional pathways for research: Examining the actors, the work, and technologies that went into the production of bourgeois family trees, as well as the uses of the diagrams, f.e. in the context of socialization, might bring to light the conceptual productivity of bourgeois "family treeing" (Edwards 2017) beyond social mimicry and iconological continuation: What is actually produced through family trees? Relations among the living or relations between the living and the dead? How do family trees structure sociality by abstracting from relationships with those diagrammatically excluded, and how do they concretize what counts as kin? How does the very production of genealogical data and the crafting of trees itself generate relationships among those involved? This study will furthermore specifically pay attention to the gender aspect by not only analyzing how the patrilineal order is diagrammatically (re-)presented, but also by asking how the production of diagrams negotiated the (possibly contentious) gendered structure of descent and transmission. At the basis of the study are two sets of sources held by the public record office of Basel (Staatsarchiv Basel): 1) the large collection of representative family trees dating from the late 18 th up to the middle of the 20 th cen., and 2) the documentation of their making as preserved in family estates.

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Genealogical Diagrams in an Urban Society

Research Project  | 3 Project Members

Das Projekt ist Bestandteil des Sinergia-Projekts «In the Shadow of the Tree. Diagrammatics of Relatedness as Scientific, Scholarly, and Popular Practice» (Prof. M. Sommer, Luzern, Leading house; Prof. C. Arni, Basel; Prof. S. Müller-Wille, Exeter/Lübeck; Prof. S. Teuscher, Zürich). Die Analyse von Genomen hat in den letzten drei Jahrzehnten eine schnelle und umfassende Bestimmung der Abstammung und der Verwandtschaft zwischen Organismen, einschliesslich des Menschen, ermöglicht. Solche "Verwandtschaften" werden gerne in der Form von Baumdiagrammen wiedergegeben. Diese heute geläufige Darstellung hat eine lange kultur- und wissenschaftsgeschichtliche Tradition. Sie war aber bei weitem nie der einzige Versuch, Verwandtschaftsbeziehungen zu visualisieren. Vielmehr wurde vom Mittelalter bis in die Gegenwart in Bereichen von Recht, Religion, Genealogie, Naturgeschichte, Biologie, Anthropologie, Psychiatrie bis Genetik und Eugenik mit linearen Anordnungen, Kreisen, Kegeln, Karten oder Netzwerken experimentiert. Die Forschungsgruppe untersucht vergleichend Verwandtschaftsdiagramme aus verschiedenen Zeiträumen und Kontexten. Im Zentrum stehen Fragen nach der Herstellung, der Konzeption und dem Gebrauch von Diagrammen: Wie werden Daten gesammelt, vermessen, verrechnet, angeordnet? Welche Hypothesen, Theorien und Technologien liegen einem Diagramm zugrunde? Und wie werden Diagramme genutzt - in der Wissensproduktion, aber auch im Sozialen, in Kultur und Politik? Verwandtschaftsdiagramme wurden - und werden - in äusserst verschiedenartigen Bereichen entwickelt und eingesetzt. Um diese Vielfalt erfassen zu können, entwickeln die Forscher eine interdisziplinäre Diagrammatik. Dazu werden Diagramme als hybride Gebilde aus Denken und Handeln, aus Bild und Schrift aufgefasst. Group 3 (Caroline Arni): Genealogical Diagrams in an Urban Society, 19th and early 20th Cen. Group 3 applies the diagrammatic approach to relatedness by examining different kinds of genealogical reconstruction performed within the same social context. Recent research has argued that the shaping of modern concepts of collective entities such as families, national and communal communities, or species has been driven by global exchange and political ruptures: Experiences of diversity and discontinuity, it is argued, generated a need for conceiving continuity through change (f.e. Parnes et al. 2008; Müller-Wille & Rheinberger 2012; Engelstein 2017). While this argument is solidly founded in a historical epistemology that pays attention to contexts of production, it also calls for a methodological expansion with regard to a social-historical approach. The city of Basel in the modern period provides a particularly pertinent case for answering that call. It confronts us with an urban society defined by the global activity of trading houses and industrial entrepreneurship, by a conflict-laden and protracted path to democratization, and by a high influx of migrant workers who came from neighboring cantons as well as from the German and French areas and who constituted a highly mobile and diverse population. Within this society, there existed a great concern for the conceptualization of relations in terms of descent that left its traces in a rich body of archival material. That Basel was also the place where in 1861, J. J. Bachofen made the claim that the very patrilineal order represented in the family trees of his contemporaries was a central pillar of human progress, which he conceived of as a departure from the primordial matrilineal societies, and where in 1874, F. Nietzsche derided the longing for the undisturbed continuity of familial and urban community might just be the kind of arbitrary coincidence history yields. But it certainly adds to the allure of Basel as an exemplary site for exploring how practices of conceiving, determining, and representing relatedness in terms of descent were integral to a specific social and political situation, its history and development. The group examines two sites of such practices: the bourgeois family and the psychiatric institution. They provide material for a diagrammatic approach to how genealogy was practiced in a familial and a scientific context respectively (for the upsurge in genealogical research in diverse areas in this time period, see Gausemeier 2008; for the scientific and cultural use of genealogy in Switzerland, see Germann 2016, 183-221). The two projects' shared framework renders possible the comparison of how these parallel practices of genealogy dealt with and formed a specific historical situation.

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Registering Doom. Pathological Genealogies

PhD Project  | 2 Project Members

Das Dissertationsprojekt ist Teil des Sinergiaprojektes "Genealogical diagrams" Psychiatric institutions and their assiduously systematic collection of patient data played an essential role in the formation of nineteenth-century conceptions of inheritance. Empirical and statistical evidence pointing towards the heritability of psychic pathologies in families grew throughout the 19th century (Porter 2018). By 1900, recently rediscovered Mendelian rules seemed to provide a mechanism for the transmission of properties and even promised to allow for prognoses (Gausemeier 2008). But what did it mean to be pathologically related to fellow human beings? How would parent and child become companions in disease? The project concerns the previously unexplored topic of pathological kinship. This gap is both historiographic and historical-historiographic in so far as among the vast research on concepts of heredity there are hardly any studies that treat "kinship" as an epistemological category within the sciences of heredity; historical in the sense that the psychiatric science of heredity did not critically reflect on "kinship" as a subject but assumed it as given in nature. Thus, building on the findings of new kinship studies, one can argue that "kinship" cannot be presupposed precisely where that concept is in use (Carsten 2004). A case study from around 1925-1928, when Ernst Rüdin directed the psychiatric clinic in the city of Basel, will show that exactly in this presumed gap were an abundance of practices to negotiate and especially produce supposedly unproblematic "kinship." The central source base consists of patient dossiers from the Heil- und Pflegeanstalt Friedmatt, which contain admission forms including a family history and detailed genealogical questionnaires. Such sources raise questions of the reciprocity between knowledge of psychiatric inheritance and retrospective narration; of objectivization and the production of relationships and kinship structures; and especially of the informing of medical personnel through Mendelian and genealogical diagrams of families and heredity. The project will analyze the diagrammatic dimensions of psychiatric research programs on heredity, genealogical work, and popular conceptions of kinship. This historical-diagrammatic perspective will be supplemented by historical-anthropological questions concerning both the occurrence of such icons and their absence.

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Dienstmädchen, Hausangestellte. Veränderungen und Kontinuitäten der bezahlten Hausarbeit in Basel, ca. 1930-1980

PhD Project  | 2 Project Members

Die internationale wie auch die schweizerische historische Forschung zu Dienstmädchen geht von einem Verschwinden der bezahlten Hausarbeit nach dem Zweiten Weltkrieg aus, weil nun Haushaltsgeräte die Arbeit im Haushalt unterstützten und Hausfrauen diese Arbeit alleine verrichteten. Erst ab den 1980er Jahren habe die bezahlte Arbeit in westlichen Haushalten wieder zugenommen, indem vor allem Migrantinnen jene Hausarbeit übernahmen, die von den zunehmend erwerbstätigen Frauen nicht mehr geleistet werden konnte. Dieses Forschungsnarrativ - das mit einer inhaltlichen Forschungslücke korrespondiert - möchte ich mit meinem Promotionsvorhaben neu befragen: Ist die bezahlte Hausarbeit nach dem Zweiten Weltkrieg tatsächlich verschwunden oder hat sich hauptsächlich deren Form verändert? Welche Formen nahm hauswirtschaftliche Mithilfe in dieser Zeit an? Für welche Arbeiten wurden Haushaltshilfen angestellt? Nicht zuletzt geht es also um die Frage, wie sich Arbeit im häuslichen Kontext im Verlauf des 20. Jahrhundert neu verteilt hat. Ich vermute, dass für Basel zum einen eine kontinuierliche Migration von Hausangestellten, die sich allerdings geographisch verschiebt, angenommen werden kann. Zum anderen möchte ich die Annahme prüfen, ob bezahlte Arbeit im Haus sich fortan eher temporär und spezifisch gestaltete, z.B. in Form einer Putzhilfe oder eines Au-Pairs. Zeigen möchte ich dies anhand von Quellen aus dem Staatsarchiv Basel. Basel bietet sich als Grenzstadt an, da sich Ausbreitung und Form der bezahlten Hausarbeit anhand der in Migrationsprozessen hinterlassenen Quellen nachzeichnen lassen.

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Geschichten individueller Differenz. Entwicklungspsychologische Longitudinalstudien, 1920-1980

PhD Project  | 2 Project Members

Ab den 1920er Jahren wurden zunächst in den USA und später in Europa zahlreiche entwicklungspsychologische Longitudinalstudien initiiert. Von den Kinderbeobachtungen des 19. Jahrhunderts unterschied diese Studien, dass sie mit grossen Samples arbeiteten und dieselben Individuen über einen längeren Zeitraum wiederholt massen, testeten und beobachteten. Ziel war es, ein möglichst umfassendes Bild menschlicher Entwicklung zu gewinnen. Die bisher kaum erforschte Geschichte dieser Longitudinalstudien ist Gegenstand des Forschungsvorhabens. Damit gerät ein Schauplatz der Forschung am Kind in den Blick, der für die Geschichte des Entwicklungskonzepts im 20. Jahrhundert von systematischer Bedeutung ist. In den Longitudinalstudien nämlich trafen Konzeptualisierungen von Entwicklung aufeinander, die sich im 19. Jahrhundert getrennt voneinander herausgebildet hatten: War aus den Theoretisierungsanstrengungen der Kinderpsychologie eine Vorstellung von Entwicklung als einem geordneten, zielgerichteten Prozess hervorgegangen, so hatte die biomedizinische Beschäftigung mit angeborenen Anomalien und Krankheiten Entwicklung als ein einflussoffenes, kontingentes Geschehen verfasst. Theoretisch und methodologisch an der Historischen Epistemologie orientiert, untersucht das Projekt anhand zweier Fallstudien, wie die Longitudinalstudien diese beiden Aspekte von Entwicklung zur Idee eines 'individuellen Entwicklungsverlaufs' verbanden, den sie anhand von Samples und zeitversetzten Messungen in Erscheinung treten lassen konnten. Damit lag ein Erklärungsmuster für individuelle Differenz vor, das grundlegend entwicklungslogisch verfasst war. Wie das Pathologische wurde nun auch das Normale in Begriffen einer historischen Genese gedacht. Eine Untersuchung der Praktiken, die den 'individuellen Entwicklungsverlauf' hervorbrachten, vermag neues Licht auf die Geschichte der Entwicklungspsychologie zu werfen. Markierte die Historiographie bisher eine durch Etablierung des Fachs gegebene Zäsur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, so plädiert das Projekt dafür, Veränderungen des Entwicklungskonzepts über diesen Moment hinaus in den Blick zu nehmen und damit auch die Geschichte der Entwicklungspsychologie auf die zweite Hälfte des Jahrhunderts zu erweitern.

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Eine transnationale Geschichte der ökologischen Reflexivität im Kontext der libertären Bewegung, 1870-1914

PhD Project  | 2 Project Members

Umweltzerstörung und -verschmutzung wurden bereits im 19. Jahrhundert vielfältig diskutiert und kritisiert. Dieses Projekt möchte die Entstehung und Verbreitung von Formen der ökologischen Reflexivität innerhalb der libertären Bewegung zwischen 1870 und 1920 untersuchen. Der Fokus auf die anarchistische Bewegung bietet sich nicht nur aufgrund ihrer transnationalen Struktur an. Ebenso fällt auf, dass viele Anarchisten den unvorsichtigen und zerstörerischen Umgang der modernen industrialisierten Gesellschaften mit der Natur reflektierten und vielfach Utopien entwarfen, die eine harmonische Naturbeziehung anstrebten. Hier schliesse ich auch an meine Masterarbeit an, in welcher ich das ökologische Denken beim französischen Geografen und Anarchisten Elisée Reclus (1830-1905) erforscht habe. Ich konnte zeigen, dass dieser Autor eine eigenständige Konzeption der Beziehung zwischen Mensch und Natur entwickelte, bei der in politischer Hinsicht eine freie Gesellschaft im Einklang mit den Naturgesetzen verwirklicht werden sollte. Das Erkenntnisinteresse des vorliegenden Forschungsprojekts gilt somit der Verknüpfung von ökologischem Wissen, emanzipatorischen Praktiken und utopischen Gesellschaftsentwürfen im Kontext der anarchistischen Bewegung. Als Arbeitshypothese schlage ich vor, die ökologische Reflexivität nicht nur als spezifische Wissensform zu behandeln, sondern ebenso als Moment, in dem - im Kontext der Industrialisierung, der Globalisierung und der damit einhergehenden ökologischen Transformation - die europäische Modernisierung kritisch hinterfragt wurde und alternative Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens erprobt wurden. Die für dieses Projekt angestrebte transnationale Perspektive erlaubt es dementsprechend, ungleiche ökologische Beziehungen zwischen verschiedenen geografischen Räumen aus der Perspektive der an diesen Austauschbeziehungen beteiligten Akteure in den Blick zu nehmen. Dabei wird versucht, die vielfach diagnostizierte Kluft zwischen Umwelt- und Sozialgeschichte zu schliessen, indem untersucht wird, wie auch innerhalb der Arbeiterbewegung die Beziehungen der Menschen zur Natur reflektiert wurden und alternative Naturbeziehungen entworfen und praktiziert wurden.